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2012

Afrika, Madagaskar – Kajakexpedition

Norwegen kenne ich nach acht Kajakurlauben bereits zur Genüge, die Alpen sind Mitte Juli bis Mitte September größtenteils trocken und in den Rocky Mountains ist im letzten Winter wenig Schnee gefallen. Der Wunsch etwas ganz Neues zu erforschen bewog mich, mich auf die Suche nach Kajakneuland zu begeben. Während eines gemütlichen Floats auf der Enns machte mich Chris, ein Freund, der 2009 mit dem Fahrrad Madagaskar bereiste, auf die Insel im Indischen Ozean und deren mögliches Kajakpotential aufmerksam. Seine mitgebrachten Bilder, die sehr spärlichen Infos aus dem Netz und die Fakten, dass es sich um die viertgrößte Insel handelt, diese dünn besiedelt ist, es Erhebungen bis knapp 2900m gibt, überzeugten mich schnell, dass diese Destination eine Reise wert ist.

Ein paar Telefonate und drei weitere Gleichgesinnte waren gefunden. Kristof, Alex und Chris machten das Team komplett. Unsere Google Earth Studien ließen bei uns schnell die Vermutung aufkommen, dass fast alle Bäche Multidaytrips sind und Ein- bzw. Ausstiege schwer bis sehr schwer zu erreichen sein werden. Unsere Internetrecherche führte uns auch zu Gilles Gaoutiers, einem Franzosen, der die einzige Raftcompany auf Madagaskar leitet. Gill half uns in weitere Folge bei den Vorbereitungen und bestätigte unsere Annahmen über Ein- und Ausstiege und die Länger der Flüsse. In einem Mail meinte er: „If you come here for kayaking in the dry season you’ re going to paddle the big rivers and so be

prepared to camp under the stars every night.“ Um auf der Insel unabhängig zu sein, verschifften wir noch einen alten 4WD von Antwerpen aus.

Am 16.07.2012 war es dann so weit und Alex, Kris und ich flogen von Wien über Paris, wo wir noch den anderen Chris trafen, nach Antanarivo, die Hauptstadt Madagaskars.

Da das Gepäcksförderband nicht funktionierte, wurden all die Koffer und Taschen per Hand weiter gereicht. Nur als unsere Kajaks an die Reihe kamen stockte die Schlange, da jedes um die 37kg wog. Zweieinhalb Stunden nach unserer Ankunft konnten wir dann aber endlich mit all unserem Gepäck in ein Taxi steigen und in einem Hotel einchecken. Die folgenden Tage verbrachten wir mit weiteren Vorbereitungen, trafen uns mit Gilles, erfuhren, dass unser Auto noch nicht angekommen war und bekamen der Reihe nach Durchfall oder mehr.

Unsere Wahl für den ersten Bach viel auf den Ikopa nordwestlich von Tana. Per Taxi brousse, ein Toyota Lightace oder Ähnliches vollgepackt mit Menschen, brachte uns die 200km, für die wir sechs Stunden benötigten, zum Einstieg. An einer Brücke eines Nebenbaches begannen wir unter den staunenden Blicken zahlreicher  Locals mit dem Beladen der Boote.

Der Weg zum Ikopa erwieß sich als sehr mühsam, da wir auf Grund  des seichten Wassers unsere Kajaks immer wieder ziehen mussten. Ein paar wenige Rapids konnten uns aber doch erfreuen. Leider bekam Alex’ Boot einen Riss und wir mussten gleich mal unseren Tapevorrat anreißen.  Als wir am Ende des ersten Tages unseren Fluss, den Ikopa, noch immer nicht erreicht hatten und plötzlich wieder die Straße auftauchte, wussten wir, dass wir an der falschen Brücke eingestiegen sind. 1:1 500 000 Karten sind eben doch nicht das Wahre.

Am zweiten Tag standen wir nach langem und anstrengendem Flachwasserpaddeln an der Kante der Mündungsfälle zum Ikopa. Ein, zwei Slides konnten wir paddeln, aber der Rest stand außer Diskussion und musste umtragen werden. Eine schweißtreibende Angelegenheit mit ca. 37kg schweren Kajaks. Der Anblick der Fälle entschädigte uns und die Hoffnung auf tolles Wildwasser ließ uns flott weiterpaddeln. Nach einigen wuchtigen Schwällen, der Fluß war inzwischen auf etwa 150cm3 angeschwollen, schlugen wir auf einer Sandbank unser zweites Lager auf. Die folgenden Tage am Ikopa waren gewürzt mit wuchtigen Rapids, sehr netten Locals aber auch langen Flachwasserpassagen. Eines Tages, als sich der Hunger wieder bemerkbar machte, wurden wir auf Reis und Huhn in einer Bambushütte eingeladen.

Nach fünf Nächten wurden unsere Vorräte knapp und wir mussten entscheiden, ob wir bei der nächsten Möglichkeit zur Straße tragen oder doch bis zum geplanten Ausstieg paddeln wollten. Natürlich paddelten wir nach einer Nacht auf einer Insel weiter und es war eindeutig die richtige Entscheidung. Vorbei ging es an Goldwäschern, die auf das große Glück hoffen.

Plötzlich grub sich der Fluss ein und stundenlang folgte Rapid auf Rapid. Vieles fahrbar, einiges auf der Chickenline fahrbar und manches definitiv unfahrbar. Irre Wasserfälle mussten umtragen werden und am Abend als wir bereits mit einer weiteren Nacht am Fluss rechneten,  erreichten wir, nach einem netten Schwall, überraschend Flachwasser und damit den Ausstieg. Wir stärkten uns mit Reis und Huhn, um dann gestärkt/ mit neuer Energie? und glücklich ein letztes Mal am Strand des Ikopas in unsere Schlafsäcke zu kriechen. Die erste österreichische Befahrung war geglückt.

In den nächsten Tagen fuhren wir mit Sack und Pack nach Finarantsoa. Von dort aus paddelten wir über vier Tag den Matsiatar. Was wir dort fanden ist schnell zusammengefasst: Flachwasser, Krokodile, ein paar Rapids, nochmal Flachwasser und am Ausstieg ein „Hotel“,  das so grindig war, dass wir das Zelt am Bett aufstellten.

Die Rückfahrt nach Fina brachte noch eine steckengebliebene Bremse, die aber kurzer Hand ausgebaut wurde. Wer braucht schon eine Bremse, wenn es noch drei weitere Reifen gibt. In Fina beschlossen wir, uns an unsere geplante Erstbefahrung zu wagen. Wir wählten den Matatana aus.

Von Google Earth wussten wir, dass der Einstieg im Dschungel ist, dass in der Mitte des Flusses ein Abbruch von ca. 150Hm auf uns wartet und der Ausstieg an einer Brücke liegt. Gilles wollte das Gebiet um den Einstieg auf mögliches Trekkingpotential von seinen Leuten auskundschaften lassen und so kletterten wir mit ein paar Locals in ein privates taxi brousse. Dieses blieb dann gleich mal in einem Schlammloch stecken und musste mit einem Wagenheber geborgen werden, nur um dann etwa 1km vor unserer Zielortschaft erst recht nicht weiter zu können. Der Fahrer traute einer Brücke nicht. Wir organisierten Träger und schlugen unser Lager am „Fußballacker“ auf. Nach zähen Verhandlungen setzten wir am nächsten Tag unseren Weg zum Einstieg fort. Den ganzen Tag lang mühten wir uns über kleinste Wege und ich war echt froh mein Kajak nicht selber tragen zu müssen. Ein paar Blutegel am Fuß später erreichten wir eine kleine Insel in einem sehr dürftig aussehenden Bach. Wir hatten unser Ziel, den Matatana, erreicht. Einer der Locals, der uns als Guide diente, opferte dem Flussgott noch etwas Rum in einem noch nie zuvor gesehenen Ritual. So „bezahlten“ wir  für das „Fady“ (Verbot), unsere roten Kajaks auf den Fluss zu bringen. Bei einer abendlichen Jam-session unter Sternenhimmel auf den wasserdichten Boxen wurde uns Weißen vor Augen geführt, dass wir eigentlich überhaupt kein Rhythmusgefühl besitzen.

Die nächsten zwei Tage arbeiteten wir uns durch dichten Dschungel und schleppten unsere Kajaks über Steine. Beim Umtragen eines Baumsechsers kippte mein Kajak um und meine Kamerabox schwamm direkt in einen kleinen Syphon. Verzweifelt versuchte ich sie zu bergen und nach etwa 20min konnte ich die wasserdichte Box wieder in Händen halten. Sie ist wirklich dicht.

Zu Mittag des zweiten Tages fuhr ich  einen kleinen Abfall und konnte meinen Augen nicht trauen. Etwa 20m vor mir brach der Bach keine 150Hm, wie von Google Earth angenommen, sondern eher 450Hm ab. Beim Anblick der Ufervegetation wurde uns schnell klar, dass wir uns auf einen sehr anstrengenden Umtrager einstellen müssen. Den Rest des Tages schleppten, zerrten, zogen und warfen wir unsere Kajaks die 450Hm bergab und etliche Höhenmeter wieder bergauf. Auf die wenigen Menschen, die wir trafen, mussten wir wie Verrückte gewirkt haben. Selten hatten wir Zeit und Muße, die grandiose Landschaft zu bewundern. Nach einem ausgiebigen Bad am Abend im Fluss hofften wir auf tolle Rapids in den nächsten Tagen. Hier drehten Gilles Leute um, da es eindeutig kein Trekkinggebiet ist. Da die nächsten Tage wenige lohnende Rapids brachten, brachen wir bei der ersten mit dem Auto zu erreichenden Ortschaft unsere Erstbefahrung ab. Ein Zug brachte uns in einer zwölfstündigen Tortur zurück nach Fina.

Dort hatten wir mal genug vom Paddeln und begaben uns auf den Touripfad. Wir fuhren nach Anakau an die Westküste, um am Meer ein bissi zu surfen, die Seele baumeln zu lassen und das eine oder andere Buch zu lesen. Mit einem Einbaum ging es zum Whale watchen und tatsächlich sahen wir die riesigen Säuger aus der Nähe. Irgendwann wurden wir aber doch unruhig und es meldete sich wieder der Paddler. So packten wir nach einem Besuch im Isalo Nationl Park für ein letztes Mal unsere Trockensäcke. Wir wollten den unteren Namorona paddeln.

Dieser Fluss wurde mit dem Ikopa gemeinsam das Highlight unserer Reise. Ziemlich leichte Logistik, viele Rapids, wenige Portagen, der eine oder andere Drop, wunderschöne Schlafplätze mit genügend Brennholz und relativ wenig Flachwasser zeichnen diesen Abschnitt aus. Immer wenn wir glaubten, es kommt nur mehr Flachwasser, wurden wir von einer weiteren Kante überrascht.

Bemerkenswert ist die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen. Am Bach wurde uns oft Obst angeboten,  geht nicht gibt’s nicht und beim Ausstieg des Namoronas mussten wir etwa 30Std. auf ein Taxi brousse warten und wurden die Zeit über von einem Einheimischen versorgt.

Nach 7 Wochen war die Zeit gekommen, von dieser interessanten Insel Abschied zu nehmen.

Ein herzlicher Dank geht an Ophion Paddles, die uns mit ihrem tollen Material auf dieser Expedition unterstützt haben.

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